Waldbaden zu zweit

Und einmal kamen wir in einen Wolkenbruch, langsam angekündigt durch immer dunkler aufziehende Wolken, Windböen in kürzer werdenden Abständen die Bäume erfassend, das Rauschen der Blätter lauter und lauter werdend, unaufhörlich die besitzergreifende Kraft des Gewitters. Die Pausen kürzer, das Zerren des Windes an den Blättern und Ästen mit zunehmender Macht unterbrochen durch das Quietschen sich unrhythmisch wiegender Stämme. Die ersten Blitze, den Himmel in Ferne flimmernd erleuchtend, noch ohne Donnerkrachen. Und Mia, „glaube mir, da wo ich bin scheint immer die Sonne“, und fast glaubte ich, ihre Leichtigkeit könnte wirklich das Unwetter vertreiben.

Und dann kamen die Tropfen größer werdend

Doch der Wind bahnte sich zielsicher seinen Weg aus den Wipfeln der Bäume nach unten und wehte uns unsere Haare durcheinander. Immer noch kein einziger Tropfen. Sollte Mia Recht behalten?

Und dann tauchte langsam der Vollmond am Horizont auf, die scheinbar einzig wolkenfreie Zone, noch rot erleuchtet von Licht der Sonne auf der anderen Seit der Erdhalbkugel. „Komm lass und den Mond feiern“. „Weißt du, dass meine Mutter den Garten noch dem Mondkalender bepflanzt hat und dass sie ihre Arztbesuche danach terminierte“. Die mystische Kraft des Mondes, was immer das war, meine Mutter glaubte daran.

Und dann die ersten Tropfen, größer werdend und schneller fallend, dicke warme Regentropfen, die auf dem Asphalt in viele kleine zerbarsten, unsere Schuhe im Nu nass bis auf die Socken.

In dreißig Sekunden durchgeweicht…

Die Jacke, schützend über uns gehalten, in dreißig Sekunden durchgeweicht, wie aus nicht geschleuderter Wäsche triefend. Und dann tanzte Mia los, wäre die Jacke nicht gewesen, hätte sie gleich los getanzt. Sie schmiss die Schuhe von sich, bei den Socken von Ausziehen keine Rede, der Pulli flog auf die Straße, und kam ich beim Einsammeln nicht hinterher, ein klatschnasses, jetzt noch verdrecktes Kleidungsstück nach dem anderen, die Socken verloren. Das Juchzen ihrer hellen und dennoch warmen Stimme hallte wider, so laut war sie, zwischen den mächtigen Bäumen, dem prasselnden Regen, dem jetzt fast stürmischen Wind. Manchmal durchmischt mit ihrem schallenden Lachen.

Pitschnass

Waldbaden
Waldbaden – Regentropfen

Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so pitschnass war, der Hosenstoff an meinen Oberschenkel klebend, das Grau durch die Nässe dunkler geworden, quatschendes Geräusch wie in wassergefüllten Gummistiefeln bei jedem Schritt. Durch das Hemd sich abzeichnende Muskel an Rücken, Brust und Bauch, perlende Tropfen, Nanotechnologie, an Brillengläsern.

Und ich konnte kaum mithalten, mit ihrer ausgelassenen Unbekümmertheit, dachte ich doch an nasse Autositze, mögliche Erkältungen, Blitzeinschläge, die zerbersten Stämme sah ich schon vor mir, kein Blick für ihre Brust, die sich unter ihrem nassen T-shirt in weiblicher Rundung abzeichnete.

Nimm mich in den Arm und küss mich…

Endlos, scheinbar der Weg, dass es mir fast wie ein Erlösung vorkam, als sie sagte:

„Nimm mich in den Arm und küss mich“, so heftig gefordert, dass mir alle Kleider aus den Händen fielen. Keine Gedanken mehr daran. Heute immer noch nicht wissend was aus ihnen geworden ist.

Als ob wir sehnsüchtig darauf gewartet hätten. Wie verabredet unsere Arme die regennassen, inzwischen kalten Körper umschlingend, dass es uns kribbelnd den Rücken hinunterlief. Die Hände dazwischen wieder und wieder, durch Haare streifend, Finger und Daumen Wangen und Münder berührend. Lippen auf Lippen, weich, warm, feuchter werdend. Zungen tief umschlungen und wir weiter und weiter wollten, erkunden. Herzen schneller schlugen, mehr und mehr in Verlangen verschmolzen. Ganz betört vom süßen sandelholzgleichen Geruch der Begierde, liebesaufgelöst fast um den Verstand gebracht. Von weit, hörte ich sie flüstern…“Weißt Du, was das ist Ekstase? Mit Dir zerbirst die Welt in einem Tropfen Schweiß – sekundenlang“.

Jetzt war auch Mia erschrocken

Waldbaden bei Donner

Sanft und gemeinsam die Schleusen der Lust geöffnet, bis uns jäh ein Donnerschlag aus inniger Verbindung riss. Jetzt war auch Mia erschrocken, instinktiv hielt ich sie fester, ihr Gesicht blasser geworden, trotz fortgeschrittener Dunkelheit erkennbar. Sie zitterte ein wenig, atmete zwei- dreimal tief ein und aus, fast schluchzend. Ich drückte sie noch näher an mich, hielt sie, der inneren Stimme des Beschützers folgend. Die Erregung der Angst gewichen. Der Weg zum Auto jetzt die einzige Option. Die Leichtigkeit und die Unbekümmertheit verflogen. Unsere Schritte wurden schneller. Vor einem Moment noch, der Wunsch, dass die Zeit stehen bleibt übermächtig, jetzt konnte es nicht rasch genug gehen.

Nachdem wir die Autotüren zugeschlagen hatten, die Erleichterung groß. Wie verabredet atmeten wir synchron tief aus. Das Autodach, der Schutz vor dem immer noch trommelnden Regen. Wir konnten nicht gleich losfahren.

Alles war wie in Sehnsucht steckengeblieben. Wie ein Fortsetzung finden?

Viele Wochen später sprach sie immer noch von Wolkenbruchdonnerschlagküssen, inzwischen Zeichen für mich, dass es Zeit war, für diesen einen wirklichen Kuss. Manchmal dabei diesen einen Moment der Unbekümmertheit aufnehmend.